Der neue Westen

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Der neue Westen

Viele haben schon davon gehört, ein paar waren vielleicht sogar schon da, aber die meisten wohl nicht. Es geht um die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen. Alle drei waren bis 1990/91 Mitglieder der Sowjetunion und haben sich nacheinander unabhängig erklärt. Dies, nachdem 1989 bereits der Drang nach Freiheit in Form einer Menschenkette demonstriert wurde, die mit ca. 650km von Vilnius über Riga bis nach Tallinn reichte. In 2004 sind die Baltischen Staaten dann der EU beigetreten.

In der Altstadt von Tallinn

In der Altstadt von Tallinn

Fangen wir oben an mit Estland, genauer gesagt der Hauptstadt Tallinn. Hier erhalten wir einen ersten Vorgeschmack was uns die nächsten Wochen erwarten wird. Regen. Viel Regen. Doch zum Glück ist das nicht das einzige. Zum Sightseeing lässt sich die Sonne doch noch blicken und wir kommen in den Genuss der wunderschönen mittelalterlichen Altstadt. Auf der Walking Tour erfahren wir, dass die estnische Sprache dem finnischen ähnelt. Finnisch ist also gar nicht so einzigartig wie wir immer gedacht haben. Dafür hat Estnisch praktisch gar nichts mit den anderen baltischen Sprachen gemeinsam. Auch erfahren wir etwas ganz Wichtiges, und zwar ist der höchste Berg vom Baltikum in Estland. 318m! Sie sind sich bewusst, dass dies jetzt nicht mal so hoch ist, aber immerhin ganze 6 Meter höher als der höchste Berg in Lettland.

Die Häuser auf dem Land sehen alle etwa ähnlich aus

Die Häuser auf dem Land sehen alle etwa ähnlich aus

Während der Sowjetzeit war auch der KGB sehr aktiv. Zum Beispiel mussten alle ausländischen Besucher in Tallinn während des Aufenthalts in einem bestimmten Hotel wohnen. Dieses war natürlich von oben bis unten verwanzt. Nur war das Ganze ein offenes Geheimnis. So soll anscheinend einer Schauspielerin im Hotel das WC-Papier ausgegangen sein und sie habe extra laut geseufzt «Wenn ich doch nur WC-Papier hätte». Wenig später stand ein Angestellter mit einer neuen Rolle vor der Türe.

In Estland kann vieles elektronisch abgewickelt werden, von der Steuererklärung bis zur Abstimmung. Hierzu benötigen sie nur ihre ID und eine Authentisierung, das wars schon. Dies hat dem Land den Spitznamen «E-Stonia» gebracht. Auch bei anderen Themen wollen sie vorne mit dabei sein, z.B. ist hier der EuroVelo Weg toll beschildert und wir finden den richtigen Weg auf Anhieb. In Tallinn jedenfalls kommen wir uns vor wie in einer anderen Stadt im westlicheren Europa, es gibt viele Touristen und natürlich alles was des Touristen Herz begehrt. Restaurants, Souvenirläden und so weiter. Kaum aus der Stadt fällt aber auf, dass längst nicht alles auf Hochglanz poliert ist. Die meisten Häuser, viele Plattenbauten, sehen aus als hätten sie vor 50 Jahren das letzte Mal einen neuen Anstrich gekriegt und der Verputz blättert überall ab. Trotzdem sind praktisch alle Häuser bewohnt. Dies ist in allen drei Staaten ähnlich. Eine andere Gemeinsamkeit, welche uns sofort aufgefallen ist, sind die Autos. Jeder hat einen super Schlitten und dies obwohl die Durchschnittseinkommen immer noch sehr tief sind (zwischen 700 und 1000 Euro). Die Autos gelten hier, wie auch in ganz vielen anderen Ländern, als Prestige-Objekt. Je grösser und teuer, umso besser. Dass dafür zuhause noch wie zu Zeiten des Kommunismus gelebt wird, ist dabei zweitrangig.

Vorbildliche Beschilderung der Radwege. Hier ausserhalb von Tallinn

Vorbildliche Beschilderung der Radwege. Hier ausserhalb von Tallinn

Kommen wir zu Lettland. Landschaftlich sieht es hier ziemlich ähnlich aus wie in Estland. Mit dem Unterschied, dass wir hier zum ersten Mal etwas mehr im Landesinneren fahren. Da geht es einmal (!) bergab und wieder bergauf und zwar bei Sigulda. Unsere verwöhnten Waden finden das nicht so toll. Oder war es die lange Wanderung mit den unendlich vielen Treppen? Wie auch immer, in Lettland gibt es viel zu sehen. Vor allem Burgen und Schlösser, aber auch schöne Strände an welchen wir teilweise ganz alleine unterwegs sind. Die Hauptstadt Riga ist eine Geschichte für sich. In die Stadt zu kommen ist mit dem Fahrrad gar nicht so einfach. Vor dem Stadtzentrum hat es keine Radwege und es ist nicht immer klar wo wir jetzt genau fahren müssen um einigermassen sicher in die Stadt zu kommen. Wenigstens hat es von unserem Hostel aus fast den ganzen Weg ins Zentrum einen Radweg welcher schon fast als intuitiv bezeichnet werden könnte. Der Kern von Riga ist ziemlich herausgeputzt. Nur sind die beiden Fassaden des Schwarzhäupterhauses in ein Baugerüst eingehüllt. Die Sehenswürdigkeiten verstecken sich wohl gerne vor uns.

Eine der zahlreichen Burgen, hier in Sigulda

Eine der zahlreichen Burgen, hier in Sigulda

Das Schwarzhäupterhaus wird gerade renoviert

Das Schwarzhäupterhaus wird gerade renoviert

Auch unterwegs kann es mal vorkommen, dass jemand von uns krank wird oder sogar beide zusammen sich zu wenig fit fühlen um zu fahren. Also sind wir zwischendurch auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen um trotzdem vorwärts zu kommen um möglichst schnell Richtung Süden (Wärme) zu kommen. So auch in Lettland. Wieder Erwarten lief alles ganz unkompliziert ab und wir konnten unsere Fahrräder samt Gepäck im Kofferraum des Busses verstauen. Manche Sachen sind bei uns einfach unnötig kompliziert (oder z.B. in Schweden, hier dürfen im Zug keine Fahrräder mitgenommen werden!). Dieses «einfach machen» gefällt uns hier.

Unkompliziert: Fahrradtransport im Bus

Unkompliziert: Fahrradtransport im Bus

Auch in Litauen waren wir auf den ÖV angewiesen, hier wollten wir von der Küste bis in die Hauptstadt kommen mit Zwischenstopp beim Berg der Kreuze. Da der Zug nicht so häufig fährt, ist dieses Unterfangen gar nicht so einfach umzusetzen. Wir entscheiden uns für eine Kombination zwischen Schnellzug und nicht ganz so schnellem Zug. Der erste Zug ist top ausgestattet, sogar mit Wifi. Bei der Weiterfahrt haben wir nicht mehr so viel Glück. Der Zug ist uralt und wir dürfen unsere Räder fünf Stufen hochbugsieren und irgendwie zwischen den Sitzen einklemmen. Das Zugpersonal zuckt nicht mal mit der Wimper als sie unsere Räder sehen. Wir sind wohl nicht die ersten… 

Beim Berg der Kreuze

Beim Berg der Kreuze

Ein weiteres Beispiel von Unkompliziertheit gibt es in Vilnius, der Hauptstadt von Litauen. Der Bürgermeister hatte kurzerhand beschlossen, dass die Stadt fahrradfreundlich umgebaut werden soll. Diese wurde dann auch umgesetzt. D.h. in der ganzen Stadt kommt man super mit dem Rad von A nach B. Der einzige Faktor welcher nicht berücksichtigt wurde ist, dass die Vilniusser wohl einfach nicht so gerne mit dem Velo fahren. Radfahrer haben wir jedenfalls praktisch keine gesehen.

Radfahren in Vilnius

Radfahren in Vilnius

Nach dieser regnerischen Zeit im Baltikum und dem nicht so freudeerregenden Wetterbericht in der Region Polen, helfen wir etwas nach um schneller in die Wärme zu kommen. So fliegen wir Anfang Oktober von Vilnius nach Italien, wo wir unsere Reise an der Adriaküste fortsetzen werden.

Vor dem Flug müssen wir noch Bikeboxen für den Transport im Flugzeug organisieren. Natürlich werden diese mit dem Fahrrad in die Unterkunft gebracht.

Vor dem Flug müssen wir noch Bikeboxen für den Transport im Flugzeug organisieren. Natürlich werden diese mit dem Fahrrad in die Unterkunft gebracht.

Kurzes Video mit ein paar Ausschnitten unserer Route durch das Baltikum

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«Das Blau unserer Seen und das Schneeweiss unserer Winter» - Finnland

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«Das Blau unserer Seen und das Schneeweiss unserer Winter» - Finnland

Wusstet ihr, dass Finnland auch eine zweite Amtssprache hat, nämlich Schwedisch? Wir eben auch nicht. Umso spannender, da sich die Einwohner beider Länder, soviel wir mitgekriegt haben, nicht wirklich mögen. Schwedisch ist Pflichtfach jedes Schülers und etwa so beliebt wie bei uns Deutschschweizern Französisch oder bei den Welschen Deutsch. Weshalb das in Finnland immer noch so ist mit der Amtssprache hat wohl etwas mit der Geschichte zu tun, denn bis 1809 gehörte Finnland politisch zu Schweden, bevor es bis genau vor 100 Jahren von Russland regiert wurde. Heisst, 2017 wird überall in Finnland die Unabhängigkeit gefeiert.

An der Grenze zu Finnland

An der Grenze zu Finnland

Mit 5.5 Mio. Einwohner auf 338'000 km2 ist Finnland acht Mal grösser als die Schweiz und entsprechend dünn besiedelt. Davon sind drei Viertel mit Wald bedeckt. Das heisst wir sind in Finnland tagein tagaus durch Wälder gefahren, Fichten, Fichten, Birken, Fichten, Fichten (sag das Mal ganz schnell hintereinander) soweit das Auge reicht. Und da es nicht wirklich Berge gibt, sieht man auch nie drüber, über diese Wälder, ausser man kann einen Turm hochklettern.

Zur Abwechslung mal Birkenwälder

Zur Abwechslung mal Birkenwälder

Versteht uns nicht falsch. Finnland ist trotz den vielen Bäumen sehr abwechslungsreich. Die Regionen sind sehr unterschiedlich, angefangen bei Lappland im hohen Norden, aber auch die Seenplatte, die Westküste, das Inselarchipel oder die Region rund um Helsinki. Wir haben uns schwergetan, eine Route zu planen in der begrenzten Zeit, die wir in Finnland noch hatten. So hat sich ein Finnland-Hopping ergeben: ein paar Tage in einer Region radeln, dann mit dem ÖV weiter in die nächste.

Wir sind ja schon auf dem Weg «nach oben» ans Nordkapp etwas in Lappland gefahren. Da haben wir erste Erfahrungen mit den Renntieren gemacht. Wir waren ganz aus dem Häuschen als wir die ersten auf der Strasse gesehen haben. Haben alles stehen und liegen lassen, die Kamera gepackt und Fotos geschossen als gäbs kein Morgen mehr. Am selben Abend, als dann eine Renntierfamilie ganz cool beim Campingplatz die Lage abcheckte und eines beim Supermarkt noch so tat, als müsste es noch kurz letzte Einkäufe tätigen für die unvorhergesehenen Gäste, da fiel es uns auf: irgendetwas ist merkwürdig… später wussten wir auch weshalb. Die Tiere sind gar nicht so wild wie wir es uns vorgestellt haben. Sie gehören zu einer Herde und somit auch einem Herdenführer. Traditionellerweise den Sami, dem Ur-Volk Skandinaviens. Die Tiere sind nicht eingezäunt, werden aber einmal pro Jahr wieder eingetrieben, sortiert und die Kälber an den Ohren gekennzeichnet. In Lappland gibt es wohl genauso viele Renntiere wie Einwohner. Kein Wunder, dass man sie an jeder Ecke antrifft und es sie keinen feuchten interessiert, wenn sie gerade die Strasse blockieren.
Soviel über die grossen Tiere. Dann gibt’s noch die kleinen Mückenbiester. Die nerven in Finnland genau so wie in Schweden. Im Eintrag über Schweden haben wir uns schon ausgiebig darüber ausgelassen.

Das Rentier beim täglichen Einkaufsbummel

Das Rentier beim täglichen Einkaufsbummel

Finnland ist nicht das Land der 1000 Seen, sondern der 187'888 Seen. Einige davon sind so gross, dass die Inseln auf den Seen auch noch eigene Seen haben. Dabei ist der Saimaa See der grösste von allen. Wir sind immer wieder daran vorbeigefahren ohne wirklich zu bemerken, dass es noch ein und derselbe ist. Die Region der Seenplatte ist noch viel spektakulärer dank dem Schloss Olavinlinna, welches im Mittelalter die Schweden vor den Russen schützen sollte.

Die Burg Olavonlinna

Die Burg Olavonlinna

… und dann gibt’s noch die Inselgruppe Aland mit 6700 Inseln, welche Autonom ist und auf welcher praktisch nur schwedisch gesprochen wird. Genau genommen sind wir uns auf den Inseln viel mehr wie in Schweden als in Finnland vorgekommen. Kein Wunder, dass die Nachbarn aus Schweden besonders gern hier ihren Urlaub verbringen. Und: Aland hat seine eigenen Regeln was die Alkoholbesteuerung angeht. Da profitieren natürlich alle davon…

Das Kastelholms Slott auf Åland

Das Kastelholms Slott auf Åland

Was uns bei den Finnen so begeistert hat, ist die Verbundenheit mit der Natur. Viele leben abgelegen und nutzen jede Möglichkeit, um raus in die Natur zu gehen. Wir waren überrascht, wie viele Menschen zum Beispiel ihre Freizeit mit Beeren sammeln verbringen. Für den privaten Vorrat, aber auch um einen Nebenverdienst zu machen. Und es gibt reichlich davon: ganze 1000 Kilo Beeren wachsen heran, und das Pro Einwohner! Wer also aufgepasst hat rechnet dies nun Mal 5.5 Mio. Einwohner. Unter den Highlights ganz klar die Blaubeeren, Preiselbeeren und natürlich die Moltebeeren - Cloudberries oder Lakka auf Finnisch. Eine Beere, die es nur im Norden gibt und, da es als Superfood gilt, ein entsprechender Hype daraus gemacht wird. Sie kommt in Sumpfgebieten vor und man sollte demensprechend mit Gummistiefeln und Antimückenkleidern ausgerüstet sein. Jeder Finne hat so seine Geheimspots und gibt diese wohl erst auf dem Sterbebett der nächsten Generation weiter. Wir hatten bei der Suche leider kein Glück, konnten sie aber für teures Geld auf dem Markt kaufen.

Hmmmmmm, Blaubeeren

Hmmmmmm, Blaubeeren

Apropos Markt. Wir haben uns auch durch andere Köstlichkeiten, die es auf dem Markt gibt, durchprobiert. Sehr merkwürdig aber lecker fanden wir das Fischbrot Kalakukko. Klingt gar nicht so aufregend. Es ist aber nicht nur irgendein mit Fisch belegtes Brötchen, sondern eine Mischung aus Fisch und etwas Speck, die ins Brot eingebacken wird. Auf diese Weise wurde früher der Fisch haltbar gemacht und diente als eine Art Sandwich für unterwegs. Da dies alleine noch nicht nahrhaft genug ist, kommt noch eine ordentliche Menge Butter oben drauf.

Ade verdrückt das Fischbrot Kalakukko

Ade verdrückt das Fischbrot Kalakukko

Unsere letzte Destination in Finnland soll Helsinki im September sein. Dort treffen wir uns mit den Mädels aus Nidau für ein Wochenende. Sie erzählen uns, was es von zu Hause zu berichten gibt und gleichzeitig erkunden wir die Stadt bei Regenwetter.

Mit den Nidauer Mädels in Helsinki

Mit den Nidauer Mädels in Helsinki

Das Wetter hat sich seit Ende August ziemlich verschlechtert. Wir hatten viele kalte Regentage. Aber auf den Inseln zeigte sich die Sonne doch nochmals. Die Finnen sind was die Campingsaison angeht eher eigenartig: sobald die Sommerferien Mitte August vorbei sind, stellen sie auf Winter um. Die Museen sind teilweise weniger lang geöffnet, Campingplätze sind entweder ganz geschlossen oder so, dass man sich telefonisch melden muss. Obwohl: es waren noch ziemlich viele (ausländische) Touristen unterwegs. Für uns jedoch war dies das Zeichen, dass wir weiterziehen müssen Richtung Süden, denn: Winter is coming…

Unsere Radreise führt uns weiter durch die Regionen Finnlands: Lappland, Mittelfinnland, das Land der tausend Seen, Turku, das Inselarchipel mit Aland und schliesslich Helsinki

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Härtetest für unser Material

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Härtetest für unser Material

Oft wird uns die Frage gestellt, «wie geht’s eigentlich den Velos?» Um hier mal Klarheit zu schaffen, widmen wir dem Thema Velos und Equipment einen eigenen Eintrag. 

Als erstes, den Velos geht’s gut, also meistens. Wenn Adeline nicht gerade einen Bürgersteig runter flitzt und die Felge bricht oder Sandra die Kette sprengt, läuft alles wie geschmiert. Im wahrsten Sinne des Wortes. Kette schmieren ist unser neues Hobby, Velo putzen theoretisch auch, machen wir aber nicht ganz so häufig, weil nicht sooo spassig und Ade dann von oben bis unten voller Dreck ist. Grössere Pannen hatten wir bis jetzt glücklicherweise noch nicht. Wir haben nur gemerkt, dass alte, spröde Reifen auch nicht mehr alles mitmachen und es so zwischendurch, trotz Pannenschutz, mal ein Loch im Schlauch geben kann. Oder auch Mal vier Plattfüsse am gleichen Tag und am Morgen danach auch nochmals… Jedenfalls sind die beiden Sorgenkinder jetzt ersetzt und die Schläuche auch gleich mit. Die Felgen sind auch nicht mehr die neusten, was Adeline merken musste. Wir sind nicht gerade fein im Umgang mit unseren Rädern. Dementsprechend kam es bei Adeline in Amsterdam zum Felgenbruch (OK, nicht ganz, aber einen Riss hats gegeben). Nicht sehr problematisch, denn da gibt’s Velomechs am Laufmeter.

Es ist Zeit für neue Reifen

Es ist Zeit für neue Reifen

Sandras Velo hat eines Morgens plötzlich begonnen, seltsame Geräusche von sich zu geben. Es war sofort klar, so kann sie nicht weiterfahren. Bei der nächsten Tankstelle wird das Rad genauer unter die Lupe genommen. Die Ursache ist zum Glück schnell gefunden. Ein Kettenglied hatte sich (wie auch immer) gelöst und verursachte dieses Geräusch. Doch das nächste Problem kam auch sogleich, irgendwie war das Kettenzusammenhaltteil, welches wir zum flicken benötigen, verschwunden. Hier kam unser bester Freund und Helfer zum Einsatz: der Kabelbinder. Mit diesem war das Glied schnell durch ein Kettenschloss ersetzt.

Das Kettenglied muss ersetzt werden

Das Kettenglied muss ersetzt werden

Um fürs Nordkap vorbereitet zu sein, liessen wir sicherheitshalber in Schweden die Kette und die Kassette wechseln. Das sollte jetzt wieder eine Weile halten. Ansonsten sind unsere Bikes mehr oder weniger gut im Schuss und wir können uns auf unsere treuen Begleiter verlassen. Das mit dem «Wechseln Sie die Kette nach 1000 Kilometer» ist doch Quatsch!

Natürlich sind wir nicht nur auf fahrtüchtige Velos angewiesen, sondern auch auf den Rest des Equipments. Unser Zelt begleitet uns bereits seit dem Island Urlaub 2010 und erfüllt seinen Zweck immer noch hervorragend. Einzig die Reissverschlüsse wollen nicht mehr so ganz.

Unsere treue Begleiterin Venus

Unsere treue Begleiterin Venus

Seit wir am Greenfield Festival vor vielen Jahren mal wieder eine eisigkalte Nacht verbracht haben, begleiten uns auch unsere Daunenmätteli. Bequem sind sie zwar immer noch, aber auch hier ist das Alter spürbar. Bei der ersten Matte haben die Luftkammern schon ziemlich zu Beginn unserer Reise fusioniert und kaum war es ersetzt, passierte das gleiche mit dem anderen. Freundlicherweise wurden beide anstandslos von Exped ersetzt obwohl die Garantie schon etwas länger abgelaufen war.

Wir durften in Lübeck eine brandneue Matte entgegennehmen

Wir durften in Lübeck eine brandneue Matte entgegennehmen

Die eine Pfanne von unserem Kochset hat auch schon bessere Tage erlebt, aber als Schüssel reicht sie doch noch aus. Unsere Küche funktioniert sonst noch einwandfrei und sogar beim Besteck haben wir auch die eierlegende Wollmilchsau gefunden. Auf der letzten Reise durften wir unsere Gabeln und Löffel regelmässig austauschen. Mit dem Souvenirshop-Taschenmesserbesteck haben wir beste Erfahrungen gemacht und dieses hat auch ein Messer dabei, welches richtig schneidet (Korkenzieher und Flaschenöffner inklusive).

Hmmm, Ramen direkt aus dem Topf (Taschenmesserbesteck im Einsatz)

Hmmm, Ramen direkt aus dem Topf (Taschenmesserbesteck im Einsatz)

Um das Packmass möglichst klein zu halten, sind unsere Kleider in Packsäcke verstaut. Dies sorgt auch dafür, dass wir nach einem Regentag trotzdem noch etwas Trockenes zum Anziehen haben. Die Ortliebtaschen halten den Regen zwar super ab, aber manchmal wird es doch etwas feucht im inneren. Jedenfalls würden wir auch die Velotaschen nicht mehr hergeben. Bis jetzt waren sie ziemlich robust und haben auch die härtesten Strapazen überstanden. Unter anderem auch unseren Ausflug in den Skulleskogen National Park, welcher mit einer langen und mühsamen Wanderung über Stock und Stein endete.

Soweit sind wir mit unserer Auswahl vom Material sehr zufrieden und hoffen, dass alles noch ganz lange hält!

Taschen packen & Zelt abbauen in Belgien

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Schweden für Anfänger

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Schweden für Anfänger

«Where are you from?»
«We are from Switzerland.»
«Oh, Sweden, you’ve come a long way!»

Wer schon mal im Amiland war, kennt diese Konversation nur allzu gut. Wie sind denn diese Schweden mit denen wir dauernd verwechselt werden so? Wir waren fast fünf Wochen da (Mitte Juni bis Juli) um die «Swedes» (ausgesprochen wie Sweets) mal genauer unter die Lupe zu nehmen. 

Wir geniessen die schöne Natur auf den Nebenstrassen Schwedens

Wir geniessen die schöne Natur auf den Nebenstrassen Schwedens

Wenn wir am Strassenrand anhalten und Leute in der Nähe sind, werden wir oft angesprochen. Selbst wenn man sagt «jag spratar inte svenska» (ich spreche kein Schwedisch), antworten sie manchmal so was wie «dochdoch, klar sprichst du Schwedisch», und sprechen einfach weiter. Dass die ältere Generation teilweise kein Englisch spricht und wir kein Schwedisch, ist dabei egal. Manchmal verstehen wir uns trotzdem und manchmal nicht.

Allgemein scheinen die Leute in Schweden aber eher zurückhaltend zu sein, ähnlich wie auch in der Schweiz. Wenn die Schale erst mal geknackt ist, sind die Leute sehr herzlich und hilfsbereit.

Diese hilfsbereite Schwedin hat uns einen Geheimtipp für einen Camping gegeben

Diese hilfsbereite Schwedin hat uns einen Geheimtipp für einen Camping gegeben

In Schweden gilt das Allermannsrecht, d.h. Wildes Zelten ist unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Natürlich wollen wir dies auch ausprobieren um unser Budget zu schonen, aber auch weil es manchmal einfach keine Campingplätze hat oder wir nicht von schreienden Goofen geweckt werden wollen.

Einer der Spots, den wir beim wildcampen gefunden haben

Einer der Spots, den wir beim wildcampen gefunden haben

Wir haben, seit wir in Skandinavien sind, nun ein paar Mal wild gezeltet. Ehrlich gesagt klingt das Ganze aber etwas romantischer als es tatsächlich ist: Es ist ja bekannt, dass der Sommer im Norden zwar schön ist, Mücken dies aber genauso gefällt. Und noch schöner finden sie, wenn zwei verschwitzte Radfahrerinnen sie besuchen kommen um ihr Zelt aufzuschlagen. Wenn man die Mücken meiden will, dann muss man irgendwo hin, wo es windet, im Wald also schwierig. Ausserhalb vom Wald ist man entweder im Sumpf, auf Ackerland oder auf privatem Gelände. Die Suche nach dem idealen Zeltplatz kann sich dann locker über 5 bis 10km hinwegziehen, wobei man immer wieder in kleine Strassen biegt um die Lage zu beurteilen. Zudem muss man auch daran denken, genügend Wasser dabeizuhaben, falls es keine Wasserquelle gibt. So ist es auch schon vorgekommen, dass unsere Flaschen fast leer waren, die letzte und nächste Ortschaft zu weit weg. Dann müssen wir Fremde um Hilfe bitten: Adeline klingelt an einer Türe. Wir kriegen nicht nur Wasser, sondern auch spontan eine Einladung zum Übernachten im Garten inkl. Gästeplumpsklo und Abendessen. Es wird ein gemütlicher Abend mit Grilladen (Steak, Renntier- und Wildschweinwürste) und Wein. Daran, dass der Wein aus einem Beutel kommt, müssen wir uns wohl noch gewöhnen.

Spontaner Grillabend bei unseren Spontan-Hosts

Spontaner Grillabend bei unseren Spontan-Hosts

Es war schön, in einem dieser perfekt gepflegten Gärten zu übernachten. Bisher haben wir diese nur beim vorbeiradeln bestaunt und uns gefragt, wie viel Zeit die Bewohner in das Gärtnern investieren. Die Rasenflächen sind immer sauber gemäht, der Briefkasten an der Strasse ist mit Blumen geschmückt und ähnelt einem Kunstwerk. Den Garten zieren dann unterschiedlichste Pflanzen und Blumen.

Top gepflegter Garten mit vielen Blumen

Top gepflegter Garten mit vielen Blumen

Apropos gepflegt: auch auf den Campingplätzen haben wir noch selten solche Küchen und Abwaschtröge angetroffen. Jeder Gast trocknet noch den letzten Wasserspritzer mit einem Tuch ab, so dass alles wieder glänzt für die anderen Gäste. Zudem stehen die Schweden auf Minigolf. Viele Campings haben eine Bahn, jedoch in unterschiedlichstem Zustand.

"Bangolf", der Renner bei den Schweden

"Bangolf", der Renner bei den Schweden

Schweden hat aber auch Seiten, die eher merkwürdig sind. Vor allem wenn es um kulinarisches geht. Klar, hier wird viel Fisch gegessen. Meistens ist der auch extrem lecker. Aber als uns zum ersten Mal von einem Mann aus dem Norden erklärt wurde, dass man dort fermentierten Hering – Surströmming - als Köstlichkeit anbietet, hat es uns schon nur vom Zuhören den Magen umgedreht. Der Fisch wird, nachdem er nach dem Fang für die Gärung in Salzlake eingelegt wurde, in Konserven abgepackt. Wenn man ihn kauft, dann lässt man die Konserve am besten noch für ein paar Wochen im Kühlschrank, bis sich diese wölbt. Wenn man das Ding öffnet, entflieht anscheinend ein dermassen widerlicher Gestank, dass man dies besser nicht in einem geschlossenen Raum versucht. Das Schlimmste soll angeblich wirklich der Geruch sein. Der Geschmack sei ok, obwohl optisch sieht es aus wie eine Schleimsuppe mit langen Fäden. Klar, dass die Nordmänner sich einen Spass daraus machen, dies ausländischen Gästen anzubieten. Wir sind zum Glück nur mit der Erklärung davongekommen. Auf Youtube kann man sich das Ganze auch zu Gemüte führen: https://www.youtube.com/watch?v=_haw_YDC_zo

Auch eine lustige Tradition der Schweden: das Mittsommerfest

Auch eine lustige Tradition der Schweden: das Mittsommerfest

Rückblickend haben wir das Radfahren in Schweden extrem genossen. In den Ortschaften, so klein sie auch sein mögen, hat es Radwege. Und ausserhalb gibt es viele kleine Landstrassen, die verkehrsarm sind. Es ist uns fast immer gelungen, Bundestrassen wie die E4 zu umgehen, auch wenn wir dafür ein paar extra Kilometer fahren mussten. Manchmal hat uns das Navi aber auch auf Wege geschickt, die sogar mit dem Mountain Bike eine ziemliche Herausforderung gewesen wären. So mussten wir auch schon das Rad 8km über Stock und Stein schieben. Als wäre dies nicht schon schlimm genug, wurden wir gleichzeitig noch von Mücken gefressen.  Bei einer Passage mussten wir sogar das Gepäck abladen und das Fahrrad tragen. Naja, im Nachhinein lacht man dann über diese Geschichten.

Wanderung im Skuleskogen Nationalpark

P.S. im Blogpost über Kopenhagen haben wir noch ein neues Video veröffentlicht (ganz unten)

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Mission Nordkap: erfüllt

Ungefähr 5 Wochen sind wir durch Schweden nordwärts am bottnischen Meerbusen langgefahren. Später überqueren wir die Grenze nach finnisch Lappland. Das Wetter schlägt um, es wird kalt und regnerisch. Noch weiter nördlich, in Karasjok, sind wir dann in Norwegen. Klar, dass uns Norwegen zu Beginn einen deftigen Anstieg gleich nach dem Frühstück serviert. Wir wissen aber auch, weshalb Berge so eine magische Anziehungskraft haben: ohne Berge kann man auf nichts hinunterschauen. Dies können wir nun und spüren so richtig, dass das Ziel näher rückt. Auch das Navi bestätigt: noch 260 Kilometer bis zum Ziel, meint es.

Das Ziel ist spürbar nah

Das Ziel ist spürbar nah

Seit Norwegen sehen wir wieder mehr Radtouristen, aber auch um ein x-faches mehr Motorradfahrer und Campervans, die ebenfalls in dieselbe Richtung fahren. Wir radeln während ein paar Tagen einem unglaublich schönen Fjord entlang, unterbrochen von etwas weniger Schönem: dunkle, lange Tunnels.

Entlang des Porsangerfjords

Entlang des Porsangerfjords

Spitzenreiter ist der 6.6km lange «Nordkapp Tunnelen», welcher erst 3km lang steil runter geht (Adeline kommt auf 50 km/h!)bis er auf 200m.u.M. ist und anschliessend wieder 3km «bergauf». Ohne Seitenstreifen versteht sich. Klugerweise zieht man also vorher etwas Warmes an und macht sich mit Leuchtweste und Lichter für die Autofahrer möglichst gut sichtbar. Wir sind froh, als wir das Licht am Ende des Tunnels sehen und dort total erschöpft eine wohlverdiente Rast einlegen können.

Vor dem Nordkap Tunnel. Noch geht's uns gut

Vor dem Nordkap Tunnel. Noch geht's uns gut

Die letzte Strecke von Honningsvåg bis zum Nordkap ist zwar nur 26km lang, die 700 Höhenmeter auf die Distanz sind aber nicht ganz ohne. Dazu kommt ein fieser Wind, den wir zwar meistens im Rücken haben, aber eben halt nur meistens. Von weitem sehen wir das Visitor Center schon. Wir strampeln gegen den Wind bis zur Schranke und werden von einer netten Dame durchgewunken – als nicht motorisiertes Fahrzeug bezahlen wir keinen Eintritt – und suchen die berühmte Kugel. Wir sind noch nicht mal richtig angekommen, schon werden wir von Touristen oder anderen Radfahrern angesprochen. Nach einer kleinen Plauderrunde kommen wir doch noch zum obligaten Siegerfoto vor der Nordkappkugel. Das Gefühl: huere geil! Der Moment, auf den wir nun 3 Monate lang geplangt haben, ist nun endlich da. Die Glücksgefühle überdecken für einen Moment alles, die müden Beine und auch den eisigen Wind!

Yeeeeaaaah, wir habens geschafft!

Yeeeeaaaah, wir habens geschafft!

Wir sind am 6. August 2017 nach 4622 Kilometer am Nordkap angekommen. Fast auf den Tag genau 3 Monate waren wir unterwegs!

Wir suchen uns nach der Fotosession einen coolen Spot für unser Zelt. Wegen des starken Windes stellen wir das Zelt am einzigen Ort auf, wo wir etwas geschützt sind. Das ist leider direkt neben dem grossen Parkplatz. Naja, die Aussicht ist trotzdem grossartig.

Aussicht vom Zelt

Aussicht vom Zelt

Nachdem wir mit Bier und anschliessendem Cüpli auf unsere Leistung angestossen haben, schauen wir dem Sonnenuntergang zu. Für die Mitternachtssonne sind wir leider schon ein paar Tage zu spät. Deshalb stehen wir zwei Stunden später nochmals auf um auch den Sonnenaufgang zu sehen. Da wir für einen Teil des Rückweges den Bus nehmen, können wir nochmals fast einen ganzen Tag am Nordkap verweilen. Das war eine gute Entscheidung, so haben wir nämlich auch erlebt, wie es am Nordkap zu und her geht, wenn ein Kreuzfahrtschiff die ganzen Touristen «ausspuckt».

Sonnenuntergang am Nordkap

Sonnenuntergang am Nordkap

Ans nachhause kommen denken wir noch lange nicht. Die nächste Etappe «Mission Ouzo» ist bereits in Vorbereitung.

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Urbanes Fahrradfahren

In einigen Städten Europas hat sich in den letzten Jahren punkto Fahrradfreundlichkeit echt was getan. Amsterdam, welche lange als die Fahrradstadt überhaupt galt, wurde in unseren Augen längst durch andere Städte überholt. Zwar gibt es dort immer noch zigtausend Fahrräder mehr als Einwohner, doch in diesem Bericht geht es nicht nur um die Quantität.

Irgendwie logisch: Jede grössere Stadt hat ein Problem mit dem Verkehr. Also, Autos raus, Velos rein. Nicht, dass dies das ganze Verkehrschaos löst, aber immerhin führt es zu einem positiven Effekt. Kopenhagen hat sich diesem Thema, wie viele andere auch, angenommen und wurde 2017 zur Bike-friendliest City gekürt (Quelle). Dazu muss man auch sagen, dass da Kopenhagen nicht Ellenlängen voraus ist, Antwerpen, Rotterdam, Strassbourg, Utrecht, Freiburg etc. - Städte, die wir ebenfalls besucht haben - können da ganz gut mithalten.

Wir haben uns aber gefragt, was Kopenhagen denn so zum Radfahrer-Mekka macht.
In unseren Augen braucht es zwei Dinge: A muss das Radfahren sicher sein und B muss man schneller sein können als mit dem ÖV oder mit dem Auto.

Wie hat man denn nun copenhagenized?

  • Umplanung der Radwege, weg von den Hauptverkehrsstrassen
  • wenn möglich getrennte Radwege oder zumindest breiter Seitenstreifen. Auf bestehenden Strassen heisst das teilweise auf Kosten des Fahrstreifens für Autofahrer
  • weiter sogar Radschnellwege mit super Infrastruktur (prioritärer Schneeräumung, Pumpen, Abfalleimer bei den Ampeln auf perfekter Höhe, Fusshalter bei den Ampeln, damit man nicht absteigen muss (das gab es wirklich! Ist vielleicht auch etwas übertrieben, aber praktisch)
  • fliessender Verkehr (d.h. Ampeln müssen schnell auf grün wechseln)
  • gute Beschilderung
  • Fahrrad-Abstellmöglichkeiten
  • Fahrradverleihsystem (sogar E-Bikes inkl. Tablet mit Navi)
  • Einfaches und effizientes Umsteigen in Nahverkehr
  • Und zu guter Letzt auch Disziplin: Nicht nur zum links und rechts abbiegen, sondern auch wenn man anhalten will ist ein Handzeichen angebracht. Das vergisst man so schnell nicht wenn man einfach mitten auf dem Radweg stoppt und dich 20 andere Radler fast überfahren
E-Bike Station in Kopenhagen

E-Bike Station in Kopenhagen

In Freiburg fuhren wir z.B. fast kein einziges Mal auf einer normalen Strasse, sondern immer nur auf Fahrradwegen, die teilweise sogar schön an einem Fluss (Dreisam) entlang führen, fernab von der verkehrsreichen Strasse. Das war der erste Eindruck von einer perfekten Fahrradstadt. Wenn man an der Ampel wartet und plötzlich tonnenweise Radfahrer auf einem zu kommen, kann dies aber schon fast ein bisschen Angst einjagen, vor allem wenn man sich in der Stadt nicht auskennt. Bis Kopenhagen haben wir uns aber definitiv an dieses Gefühl gewöhnt und sind ein bisschen enttäuscht, wenn es nicht viele Radfahrer hat. Im Gegensatz zu Bern sind die Radfahrer auch ein wenig entspannter unterwegs. Hier wird man nicht gleich angeschnauzt, wenn man an der roten Ampel anhält oder sich an die Verkehrsregeln hält. Auch tragen nur etwa die Hälfte der Radler einen Helm, wenn überhaupt. Und E-Bikes gibt es auch, aber fast ausschliesslich diejenigen welche nicht schneller als 25 km/h fahren. Die schnelleren sind nämlich nicht auf allen Radwegen erlaubt.

Der "Black Market" auf der Fahrrad-Schnellstrasse

Der "Black Market" auf der Fahrrad-Schnellstrasse

Fun facts:

  • 50% aller Kopenhagener fahren mit dem Fahrrad zur Arbeit oder in die Uni
  • 25% aller Familien mit zwei Kindern haben ein Cargo Bike, um die Kinder zum Kindergarten zu bringen oder um einzukaufen
  • 1.2 Millionen Kilometer legen die Kopenhagener jedes Jahr mit dem Rad zurück. Dies ist eine Reise zum Mond und zurück…zwei Mal! Als Vergleich: mit der Metro werden nur 660’000km zurückgelegt.
  • Im Zentrum von Kopenhagen gibt’s mehr Velos als Einwohner. 520'000 Einwohner, 560'000 Velos
  • Die weltweit meistbefahrene Radroute ist Dronning Louises bro in Kopenhagen. Hier fahren täglich bis zu 36'000 Fahrräder lang
  • 63% aller dänischen Mitglieder des Parlaments, welches im Stadtzentrum liegt, pendeln mit dem Rad
    Quelle
Fahrrad und Fussgänger Brücke

Fahrrad und Fussgänger Brücke

Fahrt durch die vorbildlichen Radwege von Kopenhagen

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Irgendwie ist hier alles anders

Wir können es uns an dieser Stelle nicht verkneifen, auch ein paar Vergleiche zwischen unserer letzten Radreise in Nordamerika und dieser hier zu machen.

Klar, die Spontanität der Amis ist einfach einzigartig. In Europa kommt es schon seltener vor, dass wir von wildfremden Leuten aus lauter Neugier angesprochen werden. Ausser in Schweden. Ähnlich wie in Italien spielt es hier keine Rolle ob wir die Sprache sprechen oder nicht. Hauptsache einfach mal weiter drauflos quasseln obwohl wir kein Wort verstehen. Mit Händen und Füssen klappt die Verständigung manchmal doch (oder auch nicht…). So kommt es dann auch mal vor, dass wir nur für einen Refill unserer Trinkflaschen auf dem Weg fragen und uns dann glatt angeboten wird, im Garten zu übernachten und mit den Gastgebern zu grillen.

Auch auf dem Campingplatz ist so einiges anders: von der Grösse der Wohnmobile mal ganz geschwiegen. Die Europäer gehen morgens in ihren kuscheligen Morgenmänteln (wussten gar nicht, dass man sowas noch kaufen kann) zu den Sanitätsräumen um ihre «Morgentoilette» zu erledigen. Und in Frankreich und Deutschland fahren die dann noch mit ihren E-Bikes bis dorthin. Allgemein, E-Bikes überall soweit das Auge reicht.

Im Fahrstuhl im Sint-Annatunnel, Antwerpen, warten wir mit unseren Bikes auf Licht am anderen Ende.

Die Campingplätze sind bis jetzt meistens teurer als noch in den USA, dafür gibt es in Skandinavien oft eine Küche. Weiter südlich konnten wir von Glück reden, wenn es überhaupt eine Sitzmöglichkeit gab. Eine Küche zu haben ist eine gute Sache, wenn man wie heute z.B. mal wieder eine Pizza essen möchte anstelle von Pasta, Reis, Bulgur whatsoever. Im Allgemeinen kochen wir bei auf dieser Reise eher gesünder als beim letzten Mal. Hier ist es bis jetzt einfacher an frisches Gemüse zu kommen und auch bei der Zubereitung geben wir uns mehr Mühe. «Gourmet on the Road» …

Verkehrsfreie Radwege führen uns durch die Dünen entlang der Küste Hollands.

Ein anderes Thema sind die Radwege. Das ist einer der Gründe, weshalb wir in Europa reisen wollten. Nordamerika war landschaftlich atemberaubend und wir sind extrem froh, haben wir den Pacific Coast Trail gemacht. Doch von einem Trail konnte man nicht wirklich reden. Meistens waren wir auf der «Shoulder», sozusagen dem Pannenstreifen des Highways unterwegs.

Radweg direkt am Meer - besser könnte es nicht sein.

Radweg direkt am Meer - besser könnte es nicht sein.

Wir konnten von Glück reden, wenn der Verkehr mal nicht allzu heftig war. In Kalifornien war der Trail etwas Radfahrerfreundlicher, aber da gibt es noch viel zu tun. In Europa sind wir bisher meistens entweder auf ganz separaten Radwegen, auf verkehrsarmen Nebenstrassen und ab und zu mal auf Hauptstrassen mit Velostreifen. Ganz extrem wurde es in Nordbelgien und den Niederlanden. Läck haben die da schöne Radwege.

Es fällt auf, dass das Radnetz im Norden sehr gut ausgebaut ist

Es fällt auf, dass das Radnetz im Norden sehr gut ausgebaut ist

P.S. wir danken auch ganz herzlich unseren Warmshowers-Hosts. Das ist eine tolle Sache, wenn man mit dem Rad unterwegs ist. Eine Art Couchsurfing für Radler: www.warmshowers.org

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Jetzt geht’s los!

Am 8. Mai sollen wir also unser geliebtes zuhause verlassen. Der Abschied von Freunden und Familie fällt natürlich nicht leicht. Vor kurzem haben wir erst richtig realisiert, dass wir keinen Job und keinen Wohnsitz mehr haben werden. Es beginnt ein neuer Alltag.

Im ersten Moment kommt uns der Start vor wie eine kleine Velotour am Sonntagvormittag. Ein paar Kilometer pedalieren, damit wir am Nachmittag unser wohlverdientes Bierli ins Lago Lodge trinken gehen können. Doch diesmal ist es keine Rundtour. Wann, dann eher eine sehr grosse Runde.

Der Jura ist gemein, gleich am ersten Tag verlangt uns die Strecke schon viel ab. Trotzdem – der Jura ist und bleibt ein unheimlich schöner Fleck der Schweiz.

Ab Basel radeln wir erst dem Rhein auf der deutschen Seite entlang hoch bis nach Freiburg und wechseln dann ins Elsass, durch Colmar, Strassbourg und weiter bis nach Luxembourg. Danach geht es in Richtung Belgien. Wir besuchen auch da wunderschöne Flecken wie Dinant, Brügge oder Löwen. Brüssel würden wir eher nicht als wunderschön bezeichnen, dafür umso schöner, dass uns unsere Freundin Rahel übers Auffahrtwochenende besuchen kam.

Die Distanzen hier im Westen sind sehr klein zwischen den Ortschaften. Es gibt viel zu sehen und zu besuchen. Daher haben wir bisher eher kürzere Tagesdistanzen absolviert, damit wir Nachmittags jeweils noch etwas Sightseeing machen oder bei einer grösseren Stadt noch einen Zusatztag anhängen können. Wie sich das auf unsere Planung auswirkt werden wir noch sehen.

Bis Brüssel haben wir schon viel erlebt, sind tagtäglich etwas fitter geworden und haben nette Menschen kennengelernt. Sei es auf dem Land oder in der Grossstadt, bisher waren immer alle sehr freundlich zu uns und haben uns weitergeholfen, falls unser Bauchgefühl nicht der gleichen Meinung war wie das Navi.

Von «Viel Erfolg» über «Ihr seid aber mutig» und «Ig gloube nid dass dir das bis ans Nordkapp schaffend» haben wir auf alle Fälle schon alles gehört. Lassen wir uns überraschen ob der «Fährimaa vo Basel» recht behält oder ob wir Mitte Sommer unsere Füsse im kalten Meer beim Nordkapp baden!

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Ich packe in meinen Koffer...

Wer sich auf eine längere Radreise vorbereiten will, der setzt sich auch frühzeitig mit dem Thema Material auseinander. Sogar wir als Last-Minute-Kofferpacker machen dies. Ist ja auch doof, wenn man 5 Tage nach dem Start merkt, dass das Kopfkissen wohl doch zu viel Platz frisst, oder die Herr der Ringe Hardcover Bücher-Kollektion etwas schwer ist um sie auf das Velo zu packen.

Also machen wir eine Liste. Die Liste ist lang und enthält alles, was uns wichtig erscheint (also persönlich, nicht allgemein). Dann wird die Liste durchgeackert: brauchen wir das wirklich? Gibt’s das kleiner oder leichter? Kann man es substituieren?

Bei der letzten Reise haben wir folgende Erfahrung gemacht: wichtig ist, dass wir für Notfälle ausgerüstet sind. Eine Erkältung ist kein Notfall, da braucht man keine Salben oder Medikamente. Wenn wir dringend etwas brauchen, dann kann dies bestimmt auch bis zum nächsten Ort warten. Gleich verhaltet es sich mit dem Ersatzmaterial. Wenn die Kette reisst, ist es sicher gut, wenn man diese mit einem Kettenglied wieder flicken kann. Eine Ersatzkette braucht man deswegen nicht.

Und dann die Kleider: die müssen alle in einer (!) grossen Saccoche platz finden. Mit Ausnahme der Regenklamotten und der Schuhe. Es empfiehlt sich, die Kleider in Wasserdichten Kompressionssäcken zu verstauen, sie sind zwar dann nicht mehr knitterfrei, aber platzsparend. Zudem gilt bei den Kleidern das Zwiebelprinzip: also Schichten statt x-unterschiedliche Jacken mitzuschleppen. Dann kommen noch Dinge dazu wie Kochutensilien, Nahrung, Apotheke und Hygieneprodukte, Bücher, Kamera, Elektronikzeugs und all die tausend Ladegeräte die es dafür braucht, Zelt, Schlafsäcke, Matten und noch Kleinkram. Alles zusammen sieht dann so aus:

Auslegeordnung

Anschliessend wurde all das in die Taschen gepackt und gewägt. Pro Velo macht dies rund 30kg, die wir nun zusätzlich den Berg hochstrampeln müssen.

Abfahrbereit

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Vorfreude

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Vorfreude

(n.) the joyful, intense anticipation that comes from imaging future pleasures

Jawohl, wir sind gespannt wie ein Pfeilbogen, welch Abenteuer uns diesmal erwartet. Und die Vorfreude darauf steigert sich, je näher der Tag X rückt.

Oft werden wir gefragt, ob wir denn die Route schon geplant haben, ob wir denn wüssten welche Länder wir bereisen werden. Doch das Planen der Route steht nicht mal so sehr im Vordergrund. Die ergibt sich dann von alleine wenn man dann unterwegs ist.

Unter Planung versteht man viel mehr die eher öde Seite, welche mit der Reise an sich noch nicht viel zu tun hat. Sozusagen das notwendige Übel, damit man überhaupt so eine Reise über ein Jahr antreten kann. Darunter fallen sexy Themen wie zum Beispiel Job, Wohnung, Billag, Internetanschluss, Krankenkasse, Versicherungen, Mitgliedschaften etceteraetcetera künden. Post umleiten, bei der Gemeinde abmelden, dem Steueramt klar machen, dass man nun nicht mehr in der Schweiz wohnhaft sein wird, aber deswegen auch nicht auswandert in ein anderes Land, also sozusagen nur temporär weg ist…und ja, trotzdem MUSS man eine Adresse im Ausland angeben. Das im digitalen Zeitalter, pffft!

Aber zum Glück sind auch diese Sachen alle früher oder später erledigt und es kann endlich losgehen.

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