Bauernstaat mit Stil

Schon mal vorne weg, Albanien ist ein unglaubliches Land. Kaum über der Grenze fühlt es sich bereits an als wären wir in einer anderen Welt angekommen. Die Zeit scheint hier stehengeblieben zu sein. Es kommen uns immer wieder Eselgespanne entgegen oder Leute mit umgebauten Motorrädern oder sonst irgendwelche kurligen Eigenbauten. Die Leute legen ziemlich viel Wert auf ihr Erscheinungsbild. Ältere Männer sind immer stilgerecht mit Jackett unterwegs, egal was sie gerade tun. Auch wenn sie mit dem Vieh auf dem Acker unterwegs sind.

 Hier sieht man richtig viele Radfahrer. MIt den alten Göppel fahren sie aber etwa nur 5km/h

Hier sieht man richtig viele Radfahrer. MIt den alten Göppel fahren sie aber etwa nur 5km/h

Fast alle Menschen winken uns freundlich zu oder rufen uns nach, wenn wir vorbeifahren. So etwas Verrücktes wir uns haben sie wohl noch selten gesehen. Wenn das Wetter mal schlecht ist, scheint dies die Gastfreundschaft noch mehr an den Tag zu bringen. Wir werden zu Kaffee und Tee eingeladen und kriegen unzählige Äpfel, Kaki, Mandarinen und Orangen geschenkt. Und das obwohl die Menschen hier selber kaum etwas haben.

 Die nette Kaki-Verkäuferin überhäuft uns mit Früchten

Die nette Kaki-Verkäuferin überhäuft uns mit Früchten

Manchmal kann es aber auch ziemlich anstrengend werden. Eines Morgens fuhren wir nichts ahnend los. Zuerst auf einer Strasse welcher eher einer Autobahn glich. An Fährräder auf grossen Strassen sind sie sich aber gewohnt. Das ist schon mal hilfreich. Die Nebenstrassen sind meist in nicht so gutem Zustand. An diesem einen Tag sogar in einem sehr aussergewöhnlich schlechtem. Es hatte an den Tagen zuvor geregnet, das heisst, praktisch die ganze Strasse bestand nur noch aus Matsch und grossen Steinen. Zu allem Überfluss blieb dieser in den Rädern hängen und blockierte die Räder komplett. Das machte die Sache noch viel anstrengender als sie sonst schon war. Nach diesen kräfteraubenden Kilometern hatten wir aber immer noch einiges vor uns. Die Strassen waren teils besser, teils wieder schlechter. Bis wir plötzlich halb auf der Autobahn stehen. Auf diese durften wir aber dann mit dem Rad doch nicht, was uns einen Umweg bescherte. Also wir schon ziemlich am Ende unserer Kräfte waren folgten uns zwei Jungs welche auch mit Velos rum kurvten. Am Anfang irgendwie noch amüsant, obwohl sie sich über uns lustig zu machen scheinen. Doch irgendwie wissen sie nicht wann genug ist und fangen an uns auszubremsen. Nicht so toll, wenn man schon ziemlich am Ende ist. Sandra wird dann kurz etwas laut und die Jungs verschwinden. Es kann ziemlich frustrierend sein, wenn einem die Menschen nicht verstehen, da sie eine andere Sprache sprechen. Endlich im Ort angekommen, in welchem wir übernachten möchten, suchen wir WLAN um ein Hotel zu buchen und trinken etwas in einem Restaurant. Wir sehen wohl ziemlich mitgenommen aus und sind auch dreckig von der schlechten Strasse. Der junge Kellner hat Mitleid mit uns und hilft eine Unterkunft zu suchen. Da es mittlerweile schon dunkel ist, gibt er uns Begleitschutz mit seinem Auto. Als Dank essen wir in diesem Restaurant zu Abend. Es stellt sich heraus, dass er der Sohn des Chefs ist. Zu dritt essen wir etwas und unterhalten uns dabei. Schlussendlich traut er sich zu sagen, dass er bisexuell ist und dass wir die ersten sind, die dies erfahren. Wir sind beide sehr gerührt und auf der anderen Seite betrübt, dass er sich wohl nie outen werden kann. Dass alles ist an einem einzigen Tag passiert. Zum Glück war nicht jeder Tag so ereignisvoll…

 Strassenqualität lässt zu wünschen übrig

Strassenqualität lässt zu wünschen übrig

Albanien wurde nach dem zweiten Weltkrieg unter der Diktatur von Enver Hoxha zu einer sozialistischen Volksrepublik. Heute wohl nur noch vergleichbar mit Nordkorea. In Hoxhas Augen war Tito’s Jugoslawien nur eine Light-Version des Kommunismus. Er brach die Beziehungen sowohl zu Jugoslawien wie auch später nach Stalins Tod zu der UdSSR ab und gründete ein Bündnis zur Volksrepublik China. Auch hier wurden Glaubensstätten umfunktioniert oder zerstört und die Bevölkerung zu Atheisten umerzogen. Wegen der ständigen Angst eines Angriffs der Grossmächte, lies Hoxha ungefähr 200'000 Bunker bauen. Diese sind noch heute vielerorts zu sehen. Nach Mao’s Tod brach er auch die Beziehung zu China ab, so dass bis zum Tod Hoxha’s 1985 Albanien in einer völligen Isolation lebte. Sein Nachfolger führte seine Politik fort, jedoch lehnten sich Albaner vermehrt gegen die Diktatur auf, als sie von den antikommunistischen Bewegungen im Ostblock erfuhren. Tausende von Albaner flüchteten in dieser Zeit aus Angst davor, dass die Regierung Gewalt gegen die Revolution anwenden würde und weil die wirtschaftliche und politische Lage sehr schlecht war. Im 92 schlussendlich kam es zu den ersten freien Wahlen, bei welcher die demokratische Partei die Mehrheit der Stimmen erhielt. Die desolate Wirtschaftslage verbessert sich jedoch nur sehr langsam. Leider fehlt es heute an gut ausgebildeten Fachkräften. Viele verlassen das Land für eine bessere Zukunft in anderen Ländern.

 Einer der vielen Bunker

Einer der vielen Bunker

Es gab Zeiten, da war Albanien eines der saubersten Länder der Welt, dies auch, weil sie kaum etwas hatten, was man hätte wegeschmeissen können. Als die Zeiten des Kommunismus vorbei waren, änderte sich vieles auf einen Schlag. Jeder wollte ein Auto haben, am liebsten einen Mercedes Benz, diese sollen die Besten sein. Autos waren aber nicht das Einzige was plötzlich Einzug hatte. Auch Plastikprodukte wurden nach und nach eingeschleppt. Das mangelnde Wissen über die Entsorgung hat dazu geführt, dass der meiste Abfall irgendwo am Strassenrand oder in einer illegalen Deponie landet. Wie auch schon in Ex-Jugoslawien, liegt auch hier jede Menge Müll herum. Eine traurige Sache, denn im Meer zu baden ist jetzt nicht mehr so verlockend wie auch schon.

 Leider ist der Abfall hier ein grosses Problem

Leider ist der Abfall hier ein grosses Problem

Tirana, die Hauptstadt, ist eine Geschichte für sich. Da wir nicht den ganzen Weg auf der grossen Strasse in die Stadt fahren wollten, sind wir auf Nebenstrassen ausgewichen. Nur waren diese bis fast ins Zentrum teilweise ziemlich dürftig. Also Kiesstrassen, welche mit Schlaglöchern übersät sind. Da dies nicht so spassig ist, versuchen wir auf eine grössere Strasse zu kommen. Das schaffen wir auch, nur direkt beim Ende der Autobahn. Es hat also ziemlich viel Verkehr und die Autos sind ungewöhnlich schnell unterwegs. Überraschenderweise hat es plötzlich einen Veloweg. Den nehmen wir natürlich, aber neben uns sind vor allem Fussgänger auf diesem unterwegs. Am kritischsten Punkt hört dieser natürlich auf. Wir dürfen also versuchen irgendwie durch einen zweispurigen, riesigen Kreisel zu kommen. Da alle einfach fahren wie es ihnen so gefällt, machen wir dies auch und das klappt sogar ganz gut. Jedenfalls kommen wir unbeschadet bei der Unterkunft an.

 Ankunft in Tirana. Der Verkehr ist vergleichsweise enorm

Ankunft in Tirana. Der Verkehr ist vergleichsweise enorm

Wer gerne Mal etwas anderes erleben möchte, dem können wir Albanien wärmstens als Feriendestination empfehlen. Auch mit dem Fahrrad. Dank der schlechten Strassen waren die Autos langsam unterwegs, was dies zu einem sichereren Abendteuer machte. Sogar die Strassenhunde waren hier im Vergleich zu Griechenland ziemlich klein und harmlos.